«Landabtausch» — nachgerechnet

23.03.2025@11:00
Aarau Landverkauf

Vorab: Ein Land­verkauf (plump kaschiert als «Land­abtausch») könnte der Stadt Aarau einen happigen Verlust bescheren, und zwar im Bereich von CHF 1.8 Mio. bis CHF 10.5 Mio. Es lohnt sich also, hier ein wenig genauer hinzu­schauen!

Vor knapp zwei Jahren habe ich die Transaktion «Land­abtausch» seziert und gezeigt, wie der Aarauer Stadt­rat der Orts­bürger­gemeinde Aarau mit einem undurch­sichtigen Geschäft, das ohne fachliche Gründe äusserst komplex struktu­riert wurde, einen Verlust von bis zu 30 Millionen Franken auf­bürden wollte, um die rein ideo­logisch begründete Mammut-Schule durch­zu­drücken. Zum Glück haben die Orts­bürge­rinnen und Orts­bürger am 13. November 2023 deutlich nein gesagt zu diesem katastrophalen Deal.

Jetzt will der Aarauer Stadtrat eine leicht angepasste Transaktion durchführen (die Verträge sind seit dem 19. Februar 2025 schon unter­schrieben!), um uns die «Mammut-Schule auf Raten» (siehe «Rathaus-Strategie» - Teil 1 und «Rathaus-Strategie» - Teil 2) aufs Auge zu drücken. Während die Ortsbürger­gemeinde dieses Mal nur noch auf lange Frist beschissen wird (bis in alle Ewigkeit fixierter Baurechts­zins...), ist der — gemäss Aarauer Stadtrat «gute Deal» — dieses Mal aus Sicht Einwohner­gemeinde die reinste Kata­strophe. Es gibt Dutzende von Gründen, um den vom Stadtrat als «Land­abtausch» getarnten Land­verkauf abzu­lehnen, aber ich will hier den Fokus vor allem auf die finanziellen Aspekte legen und aufzeigen, dass die Einwohner­gemeinde einen sofortigen Schaden von bis zu 10 Millionen Franken einfahren dürfte.

Um das zu sehen, ist ein wenig Vorarbeit notwendig, und der Fokus liegt einzig auf den Käufen und Verkäufen von Land (obwohl auch die Gebäude-Transaktionen aus Sicht Stadt Aarau unter aller Kanone sind):

  • Landv­erkauf (netto 9'564 m2) — nicht Land­abtausch
    Gemäss der vom Stadtrat am 19.02.2025 unterzeichneten «Verein­barung Nr. 2 - Variante B2y kauft die Stadt Aarau vom Kanton (= Staat Aargau) in der Telli die beiden Parzellen 850 (3'526 m2) und 851 (4'196 m2), insgesamt 7'722 m2. Im Gegenzug verkauft die Stadt Aarau im Zelgli die beiden Parzellen 973 (10'580 m2) und 2950 (6'706 m2), insgesamt 17'286 m2. Ergo verkauft die Stadt Aarau netto 9'564 m2. Natür­lich ist es nicht verboten, eine solche Transaktion als Land­abtausch zu kaschieren, damit das Volk nicht auf Anhieb realisiert, dass in Tat und Wahrheit fast 10'000 m2 verkauft werden. Und vermut­lich wissen viele Einwohne­rinnen und Einwohner von Aarau auch nicht, dass Land­verkäufe eine krasse Verletzung der Aarauer Immobilien­strategie dar­stellen, in der es klipp und klar heisst: «Die Stadt verkauft grund­sätzlich kein Land, sondern gibt es im Bau­recht ab.» Wieso kommuniziert der Aarauer Stadtrat nicht offen und transparent?
  • Realitäts­fremde Preis­gestaltung
    Eben­falls in der «Verein­barung Nr. 2 - Variante B2y erfährt man folgendes: «Dabei haben sich die Parteien [Anmerkung von mir: also die Parteien Stadt Aarau und Staat Aargau] nament­lich darauf verständigt, dass für sämtliche Grund­stücke derselbe Land­wert von CHF 650.00/m2 gilt (entspricht dem Wert, der von der Ein­wohner­gemeinde Aarau am 24.02.2020 als mass­geblich fest­gelegt worden ist für ihre Grund­stücke, die sich in der Zone Öffentliche Nutzung befinden).» Diesen Happen muss man auf mehreren Ebenen zuerst verdauen:
    1. Der Stadtrat hat diesen Fixpreis, unabhängig von Lage und Zustand des Grund­stücks, vermutlich in Eigen­regie fest­gelegt.Ich habe jedenfalls keinen Hinweis darauf gefunden, dass das Volk je gefragt wurde, ob so ein Einheits­preis sinn­voll oder wünschens­wert ist. Das Volk hat meines Wissens auch nie ja gesagt zu einem Einheits­preis.
    2. Es ist absurd, eine Land­transaktion im 2025 zu Preisen aus dem Jahre 2020 abwickeln zu wollen. Der Preis wäre nur dann irrelevant, wenn es sich um einen echten und fairen Land­abtausch handeln würde (lies: Grösse und Qualität der Grund­stücke müssten identisch sein); wir haben aber schon etabliert, dass die Stadt Aarau netto Land verkauft, und die Qualität ist eben­falls alles andere als vergleichbar - siehe unten. Der Preis ist also relevant, und damit ist zu beachten: Auch wenn der Fixpreis von 650 Franken/m2 am 24.02.2020 für mindestens ein Grund­stück auf Stadt­boden korrekt gewesen sein sollte (lies: identisch zum Markt­preis), so darf man trotz­dem davon ausgehen, dass die all­gemein beobachtete Land­preis­steigerung während der letzten 5 Jahre auch in der Stadt Aarau zu spüren sein sollte. Ganz speziell in Aarau, da wir keinen Über­schuss an Land haben, d.h. die Nach­frage ist deutlich grösser als das Angebot.
    3. Location - location - location. Es kann mir niemand weis­machen, dass ein Quadrat­meter in der Telli direkt an der lärmigen Telli­strasse zum gleichen Preis gehandelt wird wie ein Quadrat­meter an einer Toplage wie im Zelgli (mitten in einem ruhigen Wohn­quartier, in Bahn­hofs­nähe usw.). Es geht hier nicht darum, das Zelgli­quartier gegen die Telli auszu­spielen, sondern es geht darum, dass der Aarauer Stadt­rat für die Ein­wohner­gemeinde Aarau (also für uns alle!) einen ober­lausigen Deal aus­ge­handelt hat. Wieso soll die Stadt 17'286 m2 hoch­wertiges Land zum gleichen Quadrat­meter­preis verkaufen, zu dem sie vom Kanton die 7'722 m2 in der Telli kauft? Geht für mich nicht auf (und die von mir befragten Spezialisten haben eben­falls nur den Kopf geschüttelt).
    4. Unbebautes Land ist wert­voller als verbautes Land. Dieser einache Grund­satz gilt ganz sicher auch für erschlossene Grundstücke in der Zone Öffentliche Nutzung, wie mir alle unabhängigen Immobilien­spezialisten bestätigt haben. Im Zelgli sind von den insgesamt 17'286 m2 rund 4'000 m2 unbebaut (aber erschlossen). In der Telli sind nur rund 1'200 m2 unbebaut (ebenfalls erschlossen). Ergo wird die Ein­wohner­gemeinde auch in diesem Bereich brutal über den Tisch gezogen, sofern die Transaktion zu einem Einheits­preis abgewickelt wird.

Ich will hier keine «fairen» Preise postulieren für diese Land­transaktion. Klar ist einzig, dass ein Einheits­preis von 650 Fr./m2 kompletter Unsinn ist. Man kann sich aber anhand einer Sensitivitäts­analyse über­legen, wie gross der Verlust für die Ein­wohner­gemeinde Aarau ist, wenn die Transaktion zu einem Fix­preis statt zu Markt­preisen abgewickelt wird. Es wird offen­sicht­lich, dass in jedem vernüftigen Preis­bereich ein happiger Verlust resultiert für die Stadt Aarau, irgendwo im Bereich von CHF 1.8 Mio. bis CHF 10.5 Mio.

Drei einfache Beispiele basierend auf nicht unrealistischen Annahmen für den Markt­preis:

  • Zelgli: Fr. 900/m2 — Telli: Fr. 900/m2:
    Nettoverlust Stadt Aarau: CHF 2.39 Mio.
  • Zelgli: Fr. 1'000/m2 — Telli: Fr. 950/m2
    Nettoverlust Stadt Aarau: CHF 3.73 Mio.
  • Zelgli: Fr. 1'450/m2 — Telli: Fr. 1'200/m2
    Nettoverlust Stadt Aarau: CHF 9.58 Mio.

Die Verluste für weitere Markt­preis­annahmen lassen sich aus dieser Tabelle einfach heraus­lesen:
sensititvy
Falls jemand meine Analyse nach­prüfen oder weitere Szenarien durch­rechnen will, oder gar eine Erweiterung für unter­schiedliche Preise für bebautes und unbebautes Land einführen möchte, so stelle hier gerne das Spread­sheet zum Download zur Verfügung.



PS: In der Privat­wirt­schaft wäre mit der Durch­führung einer solchen Trans­aktion der Tat­bestand «un­ge­treue too many hats Geschäfts­führung» mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit er­füllt; die Ver­ant­wort­lichen müssten evtl. mit einer Frei­heits­strafe rechnen. Offen­bar gelten im Umfeld der Stadt Aarau andere Regeln — wenigstens für gewisse Leute — Darf man sagen, dass vermut­lich ein Hut weniger zu besseren Resulaten für die Stadt Aarau führen würde?