Die Schweizer Selbstbetrachtung nach der Veröffentlichung der Pisa-Studienergebnisse wirkt für ein Land, das sich für seine Bescheidenheit rühmt, fast schon unwirklich selbstherrlich.
Im September teilte die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren zufrieden mit, dass die Jugendlichen «erneut gut bis sehr gut» abgeschnitten hätten; dass sie in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften «signifikant über dem OECD-Durchschnitt» lägen; dass die Schweiz «weiterhin» zu den «leistungsstärksten Ländern» gehöre. Auch der nationale Dachverband der Lehrer fokussiert auf die vergleichsweise guten Durchschnittswerte.
Dass die Pisa-Untersuchung schon ein paar unerfreuliche Wahrheiten kenntlich machte, wurde zwar nicht verschwiegen, aber doch eher in einer Fussnote abgehandelt.
Auch in den Medien hielt sich die Aufregung in eng abgesteckten Grenzen. Ja, die Schüler läsen und rechneten schlechter, wirklich zufriedenstellend sei das nicht. Aber alles halb so wild, im Ausland sei es ja noch viel ärger. Unter den Blinden ist selbst der Einäugige ein König.
Das war alles an Erkenntnisgewinn. Nach wenigen Tagen war das Thema abgearbeitet. Und drehten sich die Diskussionen wieder um die angeblich wichtigste schulische Streitfrage: Gefährdet ein späterer Beginn des Französischunterrichts nicht den nationalen Zusammenhalt?
Das ist Unsinn. Aber ein dankbarer Nebenschauplatz. So muss man sich nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten auseinandersetzen.
Ein wenig mehr Verwunderung wäre durchaus angebracht. Die Schweiz hat in der Pisa-Studie das schlechteste Resultat überhaupt erzielt. Sogar noch schlechter als im Jahr 2000. Der Unterschied: Damals war von einem Pisa-Schock die Rede. Die Politik reagierte mit einem grossen Massnahmenkatalog.
Die Resultate der Schüler wurden anschliessend besser. Bis heute wird die Aufarbeitung des Pisa-Schocks darum als Erfolgsgeschichte verklärt. Die Überzeugung, dass politische Massnahmen gewirkt hätten, ist allerdings der fatalste Irrglaube.
Die besseren Leistungen waren vor allem dank spezifischer Migration möglich. Mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen kamen viel mehr gut ausgebildete Ausländer ins Land – und ihre Kinder sorgten für bessere Pisa-Resultate. Zuvor schnitten Ausländer deutlich schlechter ab als Schweizer, wie der Bildungsökonom Stefan Wolter in seiner Forschung präzise dargelegt hat.
Der Selbstbetrug wirkt nach. Da die Leistungen der Schweizer in diesem Jahrtausend – knapp! – konstant geblieben sind, verschleiert die Migration von Gutausgebildeten an der Spitze, was die Zuwanderung von (immer mehr) Schlechtqualifizierten insgesamt bewirkt.
Das schlechteste Viertel der Schüler schneidet miserabel ab – und zieht das Gesamtergebnis nach unten. Gemäss Pisa-Bericht sind unter ihnen viele Schüler mit Migrationshintergrund aus «sozioökonomisch schwachen Familien». Was nicht überrascht, da diese daheim oftmals keine Landessprache sprechen. Sie starten ihre schulische Laufbahn mit einem gewichtigen Nachteil, der sich kaum korrigieren lässt.
Kinder, die fremdsprachig in den Kindergarten eintreten, haben im Schnitt tiefere Bildungsabschlüsse. Das zeigt eine Studie der Universität Basel: Wenn Deutsch nicht Muttersprache ist, brauchen 70 Prozent der Kinder eine Sprachförderung. Sie verstehen die Landessprache einfach zu wenig. Oder gar nicht.
Das wirkt sich bei Pisa brutal aus: Nur noch 65 Prozent erreichen in Mathematik, den Naturwissenschaften und im Lesen das «Mindestkompetenzniveau». Diese technokratischen Begrifflichkeiten verhüllen geschickt, was das konkret bedeutet.
Ein Beispiel aus dem Lesebereich: «Obwohl es am Morgen stark regnete, nahm Anna keinen Regenschirm mit, weil der Wetterbericht für den Nachmittag Sonnenschein angekündigt hatte.»
Wer die «Mindestkompetenzen» erreichen will, muss beantworten, warum Anna keinen Regenschirm mitgenommen hat («Wetterbericht»).
Fast ein Drittel der 15-Jährigen kann das nicht.
Das ist für ein Land, das zu den reichsten der Welt gehört, peinlich. Umso mehr, wenn berücksichtigt wird, dass die Bildungsausgaben in den vergangenen 25 Jahren um 69 Prozent angestiegen sind, wie der Think-Tank Avenir Suisse berechnet hat.
Akzeptabel kann dieser blamable Zustand nur für Unterstützer einer ungebremsten Zuwanderung sein – und für Bildungspolitiker, die unangenehme Wahrheiten fürchten.
Die Folgen sind schwerwiegend. Im neusten Schweizer Bildungsbericht zeigt sich, dass die Schüler in nur etwas mehr als einer Dekade – zwischen 2012 und 2025 – im Durchschnitt 39 Punkte im Lesen und 32 Punkte in Mathematik eingebüsst haben. Das entspricht mehr als einem ganzen Schuljahr, das de facto verlorengeht.
Der schweizerische Befund korreliert mit den Pisa-Ergebnissen. Und befeuert die Diskussion, ob die Schweiz bei der Einwanderung das richtige Verhältnis hat. In Mathematik erreicht nur jeder sechste Schüler ohne Migrationshintergrund das Mindestniveau nicht, im Lesen ist es jeder Fünfte.
Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund scheitert in Mathematik fast jeder Dritte, im Lesen mehr als jeder Dritte. Wer der zweiten Einwanderungsgeneration angehört, schneidet nur wenig besser ab als jene aus der ersten Generation. Wer zu Hause keine Landessprache spricht, scheitert in knapp der Hälfte der Fälle an den Mindestkompetenzen.
Betrachtet man in der Pisa-Studie nur Schweizer, wäre der Schnitt etwa 30 Punkte höher. So gut war man vor einem Vierteljahrhundert. Das löste den Pisa-Schock aus. Jeder Fünfte scheiterte damals an simpelsten Aufgaben.
Heute sind es über 30 Prozent.
Die Schweiz redet sich allerdings weiterhin ein, dass der Status quo akzeptabel sei. Vielleicht lohnte sich da ein Blick nach Deutschland, über das man ja gerne die Nase rümpft (weil bei uns alles besser läuft).
Das mag im Bildungsbereich faktisch richtig sein. Aber das Nachbarland ist nun wenigstens aufgewacht. Die Debatte nach der Veröffentlichung der Pisa-Resultate war der dramatischen Lage angemessen. Die Medien machten den neuerlichen Schock zum grossen Thema. Sogar linksliberale Medien wie die «Zeit» suchten keine Ausreden mehr: «Deutsche Schüler schneiden in der Pisa-Studie schlechter ab denn je.»
Und sie suchen Antworten von Bildungsexperten, die sich nicht hinter leeren Worthülsen verstecken. Andreas Schleicher, der die Pisa-Studie für die OECD koordiniert, sagte beispielsweise: «Die Bereitschaft der Gesellschaft, Leistung einzufordern, ist gesunken.» Zu viele Schüler erhielten die Rückmeldung: «Prima, hast du gut gemacht – obwohl die Pisa-Leistungen dem nicht entsprechen.»
Gerade Schüler mit Migrationshintergrund werden häufiger geschont. In einer Übersichtsstudie aus dem vergangenen Jahr kam sogar das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, das sonst gerne auf den deutschen Rassismus hinweist, zu dem Befund: Gerade Migranten würden sogar bevorzugt (und nicht, wie gerne behauptet wird, systematisch benachteiligt).
Dieser Paternalismus grassiert auch in der Schweiz seit einem Vierteljahrhundert. Mit verheerendem Ergebnis. Die Gutmenschen-Attitüde schadet allen Schülern – egal, mit welchem Hintergrund.
Darüber wird nicht gerne gesprochen. Wenn überhaupt, werden Ausflüchte gesucht. Die am häufigsten genannte: Social Media lenkten zu sehr ab. Eine OECD-Untersuchung hat jedoch ergeben: Soziale Netzwerke sind höchstens für 20 Prozent des beispiellosen Niedergangs verantwortlich. Auch KI spielt eine Rolle. Aber Smartphones und künstliche Intelligenz gibt es auch in Estland, das im Pisa-Test besonders gut abschnitt.
Der Verdacht, wo die anderen 80 Prozent sind, liegt nahe. Die Schulen scheinen verloren in ihrem Wahn, dass jedes Kind gleich sei. Gleich motiviert, gleich talentiert, gleich fleissig. Das Klassenzimmer als Garten Eden. Das ist der grosse Irrtum der integrativen Schule.
An dieser Utopie verzweifelt festhaltend, wurde das Niveau nach unten nivelliert. Es wird kaum mehr frontal unterrichtet, weniger korrigiert, kaum mehr geübt. Der Lehrer ist keine Autoritätsperson, er ist ein Coach, der die Schüler motivieren soll.
Für jedes Kind wird ein Sondersetting ermöglicht, am besten gleich noch ein Nachteilsausgleich. Noten gelten als reaktionäres Element von Ewiggestrigen.
Gleichzeitig traut man jedem «Resilienz» zu und setzt deswegen auf selbstorientiertes Lernen. Schüler, fleissige wie faule, lachen nur darüber – und nennen diese Form der Unterrichtsbewältigung: Schule ohne Lehrer. Leistungsfeindlichkeit bringt ein System zwangsläufig zum Scheitern.
Selbst wenn kleinlaut einmal eingestanden wird, dass das Niveau sinke, hört man aus der Bildungslandschaft verbrämt: Die schulischen Defizite würden mit anderen, modernen Fähigkeiten kompensiert. Digital mache man den Schülern also nichts vor!
Gut am Game Boy statt galant mit Goethe. Die neue Speerspitze einer wohlstandsverwöhnten Gesellschaft.
In der Schweiz hätte man – anders als in Deutschland, wo die Verheerungen noch ausgeprägter sind – noch ein bisschen mehr Zeit, die Fehler zu korrigieren. Dafür müsste man sich jedoch aus der Komfortzone wagen. Die Schule ist zu wichtig – gesellschaftlich und wirtschaftlich –, um sie weiterhin den realitätsfremden Bürokraten zu überlassen. Ihre Rezepte haben den Wirklichkeits-TÜV nicht bestanden.
Anzeichen gibt es aus der Politik, in der die Bürgerlichen endlich aufbegehren. Sie wollen die grössten Fehler ausmerzen – und die integrative Schule so anpassen, dass sie nicht mehr leistungsfeindlich wirkt. Das ist ein zarter Beginn. Die Hegemonie der Bildungselite ist aber längst noch nicht beendet.