Die Bevölkerung von Aarau darf sich freuen. Der Stadtrat plant im edlen Wettstreit um Grösse zwischen der Kantonshauptstadt, Wettingen und Baden einen veritablen Befreiungsschlag. Bekanntlich ist es Aarau im Rennen um die Einwohnerzahlen auch nach vielen Jahren nicht gelungen, dem restlichen Feld davonzuziehen – der grandios gescheiterte Zukunftsraum lässt grüssen. In der Disziplin «Schulgrösse» nimmt Aarau nun aber noch einmal Anlauf.
Aarau plant nämlich einen Schweizer Rekord! Um satte 25% will man die – gemäss Bundesamt für Statistik – grösste Oberstufen-Schule der Schweiz übertreffen. Im neuen Oberstufenzentrum Telli sollen dereinst 1'200 bis 1'300 Schülerinnen und Schüler (SuS) beschult werden. Nicht einmal Grossstädte wie Zürich, Lausanne oder Genf leisten sich solche Mammut-Schulen, die weder im Sinne der Lehrerschaft geschweige denn zum Wohle der Kinder sind.
Das Vorgehen von Aarau ist diesbezüglich sehr eigen: Alles wird technokratisch «von oben herab» geplant, d.h. weder wurden Wünsche und Bedenken der Lehrerschaft abgeholt, noch hatte die Bevölkerung zu den «strategischen Zielen» der Kreisschule Aarau-Buchs irgend etwas zu sagen. Im September 2019 hat ein kleiner Kreis von erlauchten «Vordenkern» in der damaligen Kreisschulpflege entschieden, wie die schulische Zukunft der Aarauer Kinder aussehen soll; man hat in die Schulraumbestellung explizit den Zusatz «an einem Standort» geschrieben, und der Stadtrat hat sich sofort willig an die Umsetzung gemacht. Mittlerweile sind drei Jahre verstrichen, und seit der Gründung ist die Kreisschule Aarau-Buchs (KSAB) permanent im Umbruch (mit Ausnahme einer einzigen Person wird im Jahr 2023 die gesamte Geschäftsleitung neu besetzt). Das Resultat solcher stratosphärischer Fluktuationsraten ist ein «Verantwortungsvakuum», das seinesgleichen sucht.
Statt Evolution ist Revolution angesagt: Gewachsene Strukturen will man mutwillig zerstören (Schulhaus OSA im Schachen abreissen, das Zelglischulhaus Aarau an den Kanton abtreten), damit einer flachgeklopften Oberstufe – beschönigend auch als «stufendurchmischte, integrative Sekundarstufe I» bezeichnet – möglichst nichts im Wege stehen wird. Die in geheimen Verhandlungen zwischen Kanton und Stadt ausgehandelten Verträge zum Landabtausch sind sogar schon unterschrieben und falls sie im November 2023 von den Ortsbürgern und im Einwohnerrat durchgewunken werden, so dürfte es äusserst schwierig werden, die grösste Mammut-Schule der Schweiz noch zu verhindern.
Noch ist es allerdings nicht zu spät, die Weichen anders zu stellen. Die Stadt hat zwar schon weit mehr als 1 Million Franken verpulvert für Abklärungen und Vorstudien, Verhandlungen mit dem Kanton, verwaltungsinterne Arbeiten und einen Projektwettbewerb für 600'000 Franken. Innert weniger Wochen haben nun aber die Aarauer Christoph Alder (Schulleiter Bezirksschule Windisch) und Christoph Müller (Einwohnerrat Aarau) ein hochmotiviertes Team von Spezialisten aus Pädagogik, Schulraumplanung, Recht, Städtebau, Architektur usw. um sich geschart, das mit einem schlanken Mini-Budget nicht nur Lehrerschaft, Eltern und die breite Bevölkerung aufklärt, sondern auch Stadtrat, Verwaltung und Kreisschule immer wieder dazu ermuntert, bei der Schulraumplanung die Bedürfnisse von Schulkindern und Lehrpersonen adäquat zu gewichten. Inspirierte und motivierte Lehrerinnen und Lehrer sind das mit Abstand wichtigste Aktivum einer Schule. Verschiedene Aussagen der verantwortlichen Stadträtin lassen einen allerdings befürchten, dass sie sich dieser Tatsache nicht wirklich bewusst ist.
Die Strategie von «Aarau auf Kurs» ist klar: Oberstes Ziel ist die Verhinderung der grössten Mammut-Schule der Schweiz. Egal ob diese auf der Leichtathletik-Anlage in der Telli (Plan A) oder in den Gönhardgütern (Plan B) gebaut wird. Mit zunehmender Grösse der Schulanlagen werden diese nämlich nicht nur anonym, auch die unschönen Nebenerscheinungen wie Gewalt, Vandalismus usw. werden exponentiell grösser. Die Gegner der Mammut-Schule wollen Stadtrat und Kreisschule dazu bringen, dass die Oberstufe Aarau wie bisher auf zwei oder mehr Standorte überschaubarer Grösse verteilt ist, zum Wohle der Schulkinder. Auch zukünftige Generationen sollen in den Genuss von sicheren und überschaubaren Schulanlagen kommen, wo motivierte Lehrerinnen und Lehrer zufriedenen Kindern Wissen und Fähigkeiten vermitteln, die für ein erfoglreiches Navigieren unserer laufend komplexer werdenden Gesellschaft und Umwelt dringend benötigt werden.
Dieser Beitrag ist am 10-SEP-2023 auch auch als Gastbeitrag auf nau.ch erschienen.
Die Leserinnen und Leser lehnen die Idee einer Mammut-Schule sehr deutlich ab:
Stand 14-SEP-2023
Weitere Infos sind auf https://AarauAufKurs.ch und https://zelglischulhaus.ch verfügbar.
Video «Schweizer Rekord!»