Die Stadt Aarau feiert sich mit dem neuen «Shared Mobility»-Dashboard als Vorreiterin. «Erstmals einen umfassenden Überblick», «macht dessen Entwicklung sichtbar», «Vorreiterrolle in der Schweiz». Klingt nach grossem Wurf. In Wahrheit handelt es sich um ein reines Marketing-Instrument der Verwaltung – ein typisches Mobility-Fluffboard, das für die tatsächlichen und potenziellen Nutzer von Shared Mobility praktisch keinen Mehrwert bringt.
Wer ein PubliBike-Velo braucht, öffnet die PubliBike-App. Dort sieht man in Echtzeit, welche Stationen freie Velos oder E-Bikes haben, und bucht direkt. Wer ein Mobility-Auto sucht, macht dasselbe in der Mobility-App. Beide Anbieter (und die anderen) haben längst funktionierende digitale Schnittstellen. Das städtische Power-BI-Dashboard zeigt dagegen aggregierte Jahreszahlen («rund 300 geteilte Fahrzeuge», «27'000 Fahrten», «+38 Prozent»), eine Karte, die im Wesentlichen auf den offenen Daten von sharedmobility.ch basiert, und hübsche Beschreibungen der Anbieter mit Links zu deren Apps. Praktisch für den Stadtrat, der eine Erfolgsgeschichte erzählen will. Nutzlos für den Bürger, der jetzt ein Velo oder ein Auto braucht.
Was Nutzer wirklich wollen
Umfragen bei Shared-Mobility-Nutzern (z. B. die SMUSY-Studie der Mobilitätsakademie / CHACOMO oder Nutzerbefragungen zu PubliBike in Bern) zeigen immer wieder dieselben Prioritäten: zuverlässige Verfügbarkeit am gewünschten Standort, einfache Buchung in der App, transparente Preise, funktionierende Technik (Batterien bei E-Bikes) und möglichst wenig Reibung. Viele Nutzer monieren leere Stationen oder «falsche» Fahrzeugtypen. Eine kombinierte Buchung aus einer Hand wird von rund der Hälfte der Befragten als Hürde genannt – aber die Lösung dafür sind bessere Apps und Kooperationen der Anbieter, sicher nicht ein kommunales Statistik-Dashboard.
Das Aarauer Fluffboard liefert nichts dergleichen. Es visualisiert, was die Verwaltung gerne sehen will: Wachstum, «Erschliessung der Bevölkerung», Vorreiterrolle. Die eigentlichen Schmerzpunkte der Nutzer (leere Stationen, Zuverlässigkeit) bleiben unsichtbar oder werden durch Durchschnittswerte vernebelt (man erinnert sich an die durschnittlichen Ausnutzungsgrade von Parkplätzen, anhand derer die Stadtverwaltung entscheiden will, wo Parkplätze zu vernichten sind...). Das Dashboard ist damit ein klassisches Beispiel für Vanity Metrics: Zahlen, die gut aussehen und die Verwaltung beruhigen, aber keine Entscheidungen verbessern und den Nutzer nicht weiterbringen.
Kosten ohne Nutzen
Die konkreten Kosten des Dashboards selbst sind (noch) nicht öffentlich. Im Kontext der Aarauer Shared-Mobility-Projekte ist das Muster aber bekannt. Der PubliBike-Pilot (2024–2029) kostet die öffentliche Hand laut Stadtrat rund 487'000 Franken, bisher rund 4.30 Franken Subvention pro Fahrt. Die Mobility-Gutschein-Aktion von 2024 verschlang rund 18'500 Franken für eine überschaubare Zahl eingelöster Promocodes. Das Fluffboard fügt sich nahtlos ein: hohe Aufwände für Kommunikation und Sichtbarkeit, geringer praktischer Nutzen. Ein Fluffboard, das man mit Grok oder Claude in 15 Minuten hätte bauen können, hat die Verwaltung vermutlich monatelang beschäftigt und Unsummen an Steuergeldern verschlungen.
Vergleichbare Projekte, die nichts gebracht haben
Aarau ist nicht die erste Verwaltung, die mit teuren Digitalprojekten im Bereich «Mobility as a Service» oder Shared-Mobility-Sichtbarkeit Scheitern erlebt. Eine Auswahl:
| Projekt | Ort | Aufschaltung | Abschaltung | Kosten (ca.) | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|---|
| MaaS-App Basel/Bern/Zürich | Schweiz | geplant ~2025 | abgebrochen 2024 | 18.2 Mio. CHF (bis ~30 Mio.) | Zu teuer, nie gestartet |
| Whim / MaaS Global | Helsinki / int. | 2016 | 2024 (Konkurs) | Verluste ~75 Mio. EUR, Funding ~150 Mio. | Wirtschaftlich nicht tragfähig |
| SBB MaaS-Idee | Schweiz | – | ~2021 abgebrochen | n. a. | Aus Kostengründen gestoppt |
| Floya (Trafi/STIB) | Brüssel | 2023 | Ende 2026 | n. a. | Wird abgeschaltet |
Das Muster ist klar: Ambitionierte digitale Sichtbarkeits- oder Buchungsplattformen für Shared Mobility scheitern regelmässig an Kosten, Komplexität und fehlendem realem Nutzerbedarf. Die Anbieter-Apps funktionieren bereits. Eine zusätzliche städtische Statistikschicht schafft vor allem Arbeit und schöne Folien für Medienmitteilungen.
Das Aarauer Mobility-Fluffboard gehört in dieselbe Kategorie: Es macht die Verwaltung sichtbar, nicht die Fahrzeuge für die Nutzer. Wer Shared Mobility wirklich fördern will, investiert in zuverlässige Verfügbarkeit, günstige Preise und funktionierende Apps – nicht in Power-BI-Dashboards, die niemand braucht, um von A nach B zu kommen.
Das Aarauer Fluff-Board reiht sich nathlos ein in eine ganze Serie von nutzlosen Projekten: