Erkenntnisgewinn? — aber sicher!

25.10.2024@10:49
Weckruf

Journa­listen (alle Geschlechter dürfen sich ange­sprochen fühlen) schrei­ben gern und viel, aber Quan­tität darf auch in diesem Business nicht ver­wechselt werden mit Quali­tät. Nicht selten werden Lese­rinnen und Leser mit einem «Mix aus Facts und Fiction», ange­reichert mit der eigenen Meinung, bedient. Schön, wenn die eigene Meinung zur Ab­wechslung mal nicht in die Bericht­er­stattung einge­woben ist, sondern in einer separaten Kommentar­spalte publi­ziert wird. In einem Kommen­tar, der in der AZ vom 25.10.2024 er­schienen ist, zieht Nadja Rohner Kommentar AZ 25.10.2024 über den Einwohner­rat (und speziell über die SVP Aarau) her und stellt im Zusam­men­hang mit unseren Anfragen an den Stadt­rat von Aarau ketze­risch die retho­rische Frage, ob der Er­kenntnis­gewinn [sic: dank der Ant­worten des Stadt­rats] wirk­lich den gros­sen personellen und finanziellen Auf­wand recht­fertigt?

Könnte man natür­lich so stehen lassen. Anderer­seits: Wieso soll ein selber­denker das Denken einer Journa­listin über­lassen? Leuchten wir die Thematik doch ein­mal etwas aus, und schauen wir uns die Vorwürfe an, zuerst in einer Kurz­version:

Es ist offen­sicht­lich, dass ein (zu) kleiner oder gar fehlender Er­kenntnis­gewinn mindes­tens drei Ur­sachen haben könnte:

  1. Alle gestellten Fragen waren schon vorher beantwortet; in diesem Falle würde ich beipflichten, dass es nicht sehr intelligent war, die betreffenden Fragen zu stellen; aber ich wage zu Behaupten, dass unsere Anfragen nicht in diese Kategorie gehören...
  2. Die Qualität und/oder der Informationsgehalt der Antworten ist dergestalt, dass ein Er­kenntnis­gewinn tatsächlich nicht möglich ist; dieses Phänomen erlebe ich tatsächlich mit schöner Regelmässigkeit: Ich habe z.B. hier eine klare Frage gestellt («Zahlungen an Mobility»), aber leider keine Antwort erhalten auf diese Frage - so musste ich noch einmal die exakt gleiche Frage stellen, und im zweiten Anlauf hat es mit der Ant­wort dann auch geklappt; es bleibt aber anzu­fügen, dass auch die zweite Antwort derart un­voll­ständig war, dass ich direkt bei Mobility nach­haken musste (dem Steuerzahler sind dabei keine zusätzlichen Kosten entstanden!).
  3. Die Person, die einen Mangel (oder die Abwesenheit) eines Er­kenntnis­gewinns reklamiert, kann (oder will) die Antworten nicht verstehen; ich bleibe höflich und erspare mir einen Kommentar...

Man kann die haltlosen Vorwürfe von Nadja Rohner auch noch etwas aus­führ­licher kontern:

  • Ver­waltung wird mit Anfragen ein­ge­deckt...
    Ich weiss, dass ich gerne Fragen stelle, vor allem unbequeme. Gute und präzise Fragen sind aber häufig der erste (not­wendige) Schritt, um etwas zu ver­stehen. Haben wir doch in der Schule gelernt, oder? Es gibt keine dum­men Fragen, nur dum­me Ant­worten. Mir liegt viel an einer trans­pa­renten Ver­waltung (Ziele, Kosten, Aus­wirkungen, ...), und weil Stadt­rat und Ver­wal­tung häufig lieber Propa­ganda ver­breiten, statt Fakten und er­hel­lende Infor­ma­tionen zu liefern, bleibt dem Ein­wohner­rat leider gar nichts anderes übrig, als regel­mässig ein paar harte und präzise Fragen zu stellen. Kommt dazu, dass sich der Stadt­rat häufig bockig stellt und meine Fragen nur unvoll­ständig (und teil­weise sogar falsch oder über­haupt nicht) beant­wortet, so dass ich dazu gezwungen bin, die exakt gleichen Fragen mehr­fach zu stellen. Würden der Stadt­rat und die Ver­waltung pro­aktiv, offen und faktisch korrekt infor­mieren, ich würde garan­tiert keine Fragen stellen.
  • ...[sic: Anfragen], deren Beant­wortung komplex und auf­wendig ist
    In jedem professionell und gut geführten Projekt gibt es Ent­schei­dungs­punkte (man fällt einen «go / no go»-Entscheid). Manch­mal werden die rele­vanten Infor­ma­tionen, die für einen solchen Ent­scheid not­wendig sind, in einem Vor­projekt erar­beitet. Es gibt dabei eine Viel­zahl von Kon­stel­la­tionen, die zu einem «no go»-Entscheid» oder gar zum Ab­bruch eines laufenden Projekts führen können:
    • aktualisierte Beurteilung des erwarteten Nutzens sinkt unter die aktualisierte Beurteilung der erwarteten Kosten («NPV-negatives Projekt»)
    • die effektiven Kosten entwickeln sich (deutlich) höher als die erwarteten Kosten
    • die effektiven Erträge entwickeln sich (deutlich) tiefer als die erwarteten Erträge
    • das Umfeld hat sich im Vergleich zu den ur­sprüng­lichen Rahmen­bedingungen nega­tiv verändert
    • ...
    Viele meiner Anfragen zielen darauf ab, von der Ver­waltung An­gaben über die im Vorfeld eines Projekt­entscheids gemachten Ab­klärungen zu erhalten. Das Zusammen­tragen der ent­sprechenden Unter­lagen und Infor­mationen (sofern sie denn auch tat­sächlich vor­handen sind), ist weder komplex noch auf­wendig, sondern innert weniger Minuten erledigt. Komplex und auf auf­wendig wird es höchstens dann, wenn man diese Infor­ma­tionen nicht hat. Das wäre aber ein klares Indiz für schlechtes Projekt­mana­gement; vor allem gegen Ende eines Projekts inter­essieren mich dann die effek­tiven Kosten und Erträge. Auch diese Infor­ma­tion sollte mit margi­nalem Auf­wand zusammen­getragen werden können, weil jedes halb­wegs ver­nünftig ge­führte Projekt auch ein Projekt-Con­trol­ling hat, das eben genau diese Werte sauber erhebt. Ob sich ein Projekt schluss­end­lich gelohnt hat oder nicht, das lässt sich nur mit Kenntnis der effek­tiven Kosten und Erträge beur­teilen (→ Erfolgskontrolle). Aber es schadet sicher auch nichts, wenn man im Rahmen einer seriösen Projekt-Beur­tei­lung die effek­tiven Werte mit den ur­sprüng­lich geschätzten Werten ver­gleicht (→ Ab­weichungs­analyse). Meine Erfahrung als Ein­wohner­rat ist noch über­schau­bar, aber ich habe 40 Jahre Er­fah­rung mit grossen und kleinen Projekten, d.h. ich weiss relativ gut, welche Fragen zu stellen sind, um die Voraus­setzungen für den erhofften Er­kenntnis­gewinn zu schaffen. Meine Fragen sind manch­mal unbequem, weil ich eine gute Nase habe für «Chabis» und «Propa­­ganda».
  • grosser personel­ler und finan­ziel­ler Auf­wand
    Der Stadtrat behauptet mit schöner Regel­mässig­keit, dass die Kosten für die Beant­wortung von Anfragen sich im Bereich von 200 Franken bis vielleicht 800 Franken bewegen sollen (nicht ausge­schlossen, dass es auch mal etwas mehr ist). Setzt man diese Kosten ins Verhältnis zu den Beträgen, die mit ESG-Projekten (die erwiesener­massen nicht nur keinen Nutzen stiften, sondern ver­schiedentlich exorbi­tante Schäden an­richten) ver­schleudert werden, so kann ich nur Lachen. Die Stadt Aarau hat — ohne mit der Wimper zu zucken — den satten Betrag von 20'000 Fran­ken aus­ge­geben, um der privaten Firma Mobility zu 25 neuen Kunden zu ver­helfen. Hätte man dieses Umerziehungsprojekt nicht durchgeführt, so hätte man sich nicht nur 20'000 Franken gespart, sondern auch die Aufwände für die Beanwortung meiner zwei Anfragen. Aus meiner Sicht erstaunlich ist, dass bei der Presse niemand erkannt hat (und bis heute nicht darüber geschrieben hat), dass a) nur 25 Mobility-Gutscheine von Neukunden eingelöst wurden und b) jeder Neukunde die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler unglaubliche 800 Franken gekostet hat (womit wir wieder bei den möglichen Ursachen für das Fehlen eines Er­kenntnis­gewinns wären...).

Was ist nun der Er­kenntnis­gewinn? Aarau kann es besser!



PS: «Überlastung» ist häufig eine direkte Folge von suboptimalem Zeit-Management; die Eisenhower-Methode kann nicht nur in der Privatwirtschaft Abhilfe schaffen...